Kein Lock-in im Lockdown

Corona-Lockdown und Privacy-Shield-Urteil des EuGH verändern die Digitalisierung

von Jan Ulrich Hasecke – erschienen am 25.08.2020 – Datenschutz, Digitalisierung, Politik

Krisen bieten immer auch Chancen – dieser Spruch mag abgegriffen klingen; aber etwas Wahres ist an ihm. Von heute auf morgen wurde für viele Unternehmen das Homeoffice zum Alltag. Durch den Corona-Lockdown haben Hunderttausende plötzlich die Reize und die Tücken einer Videokonferenz kennengelernt. Offensichtlich hat die erzwungene Digitalisierung so gut funktioniert, dass laut einer Studie 37 % der befragten Unternehmen auch nach der Corona-Krise am Homeoffice festhalten wollen.

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Corona geht, das Homeoffice bleibt

Die Studie, für die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) 1765 Unternehmen in Europa befragte, belegt vor allem in größeren Unternehmen ein Umdenken. Unternehmen in der Informationswirtschaft mit mehr als 100 Beschäftigten in der Informationswirtschaft sind zu 83 % der Meinung, dass mehr Tätigkeiten fürs Homeoffice geeignet seien, als bislang angenommen. Im verarbeitenden Gewerbe sind es in dieser Unternehmensgröße immerhin noch 70 %. Bei kleinen Unternehmen mit 5 bis 19 Beschäftigten liegen die Werte deutlich niedriger. Hier haben nur 47 % der Unternehmen in der Informationswirtschaft und 36 % aus dem verarbeitenden Gewerbe diese Erfahrung gemacht.

Über die Gründe, warum kleine Unternehmen skeptischer geblieben sind, kann man nur spekulieren. Vielleicht finden sie einfach keine vertrauenswürdigen IT-Dienstleister, die ein Portfolio haben, das auf kleine und mittelständische Unternehmen zugeschnitten ist.

Alle Unternehmen gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Mitarbeiter auch von zu Hause aus arbeiten werden. Offensichtlich haben die positiven Erfahrungen während des Lockdowns in vielen Unternehmen, die dem Homeoffice bisher reserviert gegenüber standen, einen Meinungsumschwung ausgelöst. Die alte Stechuhr-Mentalität, die weder durch Gleitzeitregelungen, noch durch Familienförderungsmodelle ausgetrieben werden konnte, scheint plötzlich überwunden zu sein.

Bis zum Lockdown kam nur ein Bruchteil aller Angestellten in den Genuss einer Homeoffice-Regelung. Das ist nun anders. Knapp die Hälfte aller Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe und fast Dreiviertel aller Unternehmen in der Informationswirtschaft haben Erfahrungen mit dem Homeoffice gesammelt. Es sieht ganz so aus, als würde das Homeoffice aus nach dem völligen Abklingen der Corona-Pandemie bleiben.

Digitalisierung kann Kosten senken

Nach dem Lockdown beginnt das Rechnen. Hat das Homeoffice auch finanzielle Vorteile? Viele Unternehmen werden feststellen, dass ein Großteil der Geschäftsreisen durch Videokonferenzen ersetzt werden kann. Selbst kleine und mittelständische Unternehmen werden sehen, dass sich die überschaubaren Investitionen in eine eigene Infrastruktur für Videokonferenzen auch nach dem Lockdown immer noch rechnen. Sie sparen Reisekosten, können ihre Büroflächen verkleinern und sind in der Lage, hochqualifizierte Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, die weiter weg wohnen und einen Umzug an den Unternehmenstandort scheuen.

Der Lockdown hat aber auch Missstände offenbart. So trübte die miserable Breitbandversorgung in Deutschland die ansonsten guten Erfahrungen mit Videokonferenzen, da die Systeme aufgrund der mangelnden Bandbreite vor Ort oft ausgebremst wurden. Videokonferenzen, das weiß nun fast jeder, benötigen einen breitbandigen Internetanschluss. Veraltete Telefonanschlüsse oder ein schwaches WLAN-Signal führen unweigerlich zu Störungen. Glasfaseranschlüsse, auch das zeigte der Lockdown, können ein ebenso großer Standortvorteil sein wie die nahegelegene Autobahnauffahrt.

Plötzlich tat digitale Abhängigkeit richtig weh

Als der Umzug ins Homeoffice plötzlich ganz schnell gehen musste, stellten viele Unternehmen und Institutionen fest, dass die IT-Konzerne, von denen sie sich seit Jahren abhängig gemacht hatten, auch jetzt vor allem daran interessiert waren, sie durch einen Umzug in die Cloud noch abhängiger zu machen. Wer von heute auf morgen wegen einer Pandemie seine hochsensiblen Unternehmensdaten einer fremden Cloud anvertrauen soll, spürt instinktiv, dass hier nicht Lösungen geboten werden, sondern neue Abhängigkeiten entstehen.

Datenschutz und digitale Abhängigkeiten waren plötzlich ein Thema. Sehr früh warnten Datenschützer beispielsweise vor dem US-Dienst Zoom, der förmlich von neuen Nutzern überrannt wurde. Anders als sonst wurden ihre Warnungen diesmal nicht völlig ignoriert. Aus dem Lockdown sollte kein neuer Lock-in werden. Zahlreiche Unternehmen und Institutionen probierten Alternativen wie Jitsi oder BigBlueButton aus. Hostsharing hatte die Systeme frühzeitig in der Praxis getestet und konnte so vielen Mitgliedern helfen, datenschutzkonforme Videokonferenzen zu organisieren.

Und als dann der Europäische Gerichtshof das Privacy Shield hinwegfegte und damit die Datenübertragung an US-amerikanische Firmen unter ganz große Vorbehalte stellte, schwante es auch den ganz Unbedarften, dass neue IT-Strategien notwendig werden. Vieles kommt in Bewegung. IT-Lösungen werden immer häufiger kritisch hinterfragt und daraufhin abgeklopft, ob sie die digitale Souveränität stärken oder schwächen.

Vor dem Lockdown waren freie Cloudlösungen, die man selber hosten kann, wie Nextcloud oder ownCloud, bloß einem kleinen Kreis von Open-Source-Enthusiasten bekannt. Von dem Open Source Videokonferenzsystem BigBlueButton wussten vor Corona gerade einmal die Systemadministratoren einiger Universitäten. Heute sind diese Lösungen nicht nur IT-Fachleuten ein Begriff.

Lösungen für Home Office und Videokonferenzen bei Hostsharing

Viele Unternehmen und Organisationen wendeten sich in den letzten Monaten an Hostsharing, um Home Office Lösungen mit Nextcloud oder Videokonferenzen mit BigBlueButton zu realisieren. Häufig buchten die neuen Mitglieder dabei auch die einzigartigen Serviceleistungen Webmaster on Demand und Webmaster as a Service. So konnten sie einerseits die Anwendungen in eigener Verantwortung betreiben, die Wartung der Software aber der Genossenschaft überlassen.

Die allermeisten Mitglieder von Hostsharing entscheiden sich bewusst für eine genossenschaftliche Lösung. Gerade in einer Krisensituation vertrauen sie einer Genossenschaft mehr als einer privaten Kapitalgesellschaft. Und das Vertrauen basiert auf ganz konkreten Vorteilen, die nur in einer Genossenschaft gegeben sind.

  1. Sicherheit
    Sicherheit hat bei Hostsharing mehrere Dimensionen. Da ist zunächst die technische Sicherheit, die unter anderem durch Hochverfügbarkeit, Backup oder getrennte Netze erzielt wird. Sicherheit vermittelt aber auch der kompetente Support mit persönlichen Ansprechpartner im Service. Und schließlich gibt es die organisatorische Sicherheit, die eine Genossenschaft bietet, deren Geschäftspolitik man selbst mitbestimmen kann. So kann eine Genossenschaft zum Beispiel nicht einfach von einem Wettbewerber aufgekauft werden. Wer heute zu Hostsharing kommt, weiß, dass es Hostsharing auch morgen noch gibt.

  2. Datenschutz
    Der professionelle Umgang mit dem Datenschutz ist für viele Mitglieder ein entscheidender Faktor. Datenschutz hat nicht nur rechtliche Aspekte wie unsere Regelungen zur Auftragsverarbeitung. Datenschutz wird auch durch technische Lösungen realisiert; durch Mandantenfähigkeit, getrennte Netzwerke, datenschutzkonforme Prozesse und zertifizierte Rechenzentren in Deutschland.

  3. Solidarität
    Hostsharer kalkulieren doppelt und weitsichtiger: einmal als Kunden und einmal als Mitglieder einer Genossenschaft, in der sie mitbestimmen können. Unsere Mitglieder wollen hochprofessionelle Leistungen zu günstigen Preisen einkaufen. Im Interesse ihrer Genossenschaft, von der sie diese Leistungen beziehen, sollen die Preise dafür aber auch die Kosten decken. Der solidarische Ansatz, IT-Infrastruktur gemeinsam zu betreiben, funktioniert. Hostsharing wächst und wird so wirtschaftlich resilienter. Im September zieht Hostsharing mit neuer Hardware in ein Tier-4-Rechenzentrum um.

  4. Nachhaltigkeit
    Ökostrom im Rechenzentrum ist unseren Mitgliedern wichtig. Mindestens genauso wichtig sind ihnen aber auch die übrigen Dimensionen von Nachhaltigkeit, die wir in unserem Nachhaltigkeitsbericht anhand der Kriterien der Gemeinwohlökonomie dargelegt haben. Nachhaltigkeit in der IT ist ein wichtiges Thema. Denn die Informationstechnik ist für einen großen Teil des weltweiten Stromverbrauchs verantwortlich. Andererseits kann die Digitalisierung aber auch den Ressourcenverbrauch senken. Laut einer Studie von Greenpeace ist das Arbeiten im Homeoffice in vieler Hinsicht klimafreundlicher.

Der Staat muss umdenken

Leider stellten wir während des Lockdowns fest, dass staatliche Regelungen den Genossenschaften – vermutlich völlig unabsichtlich – dicke Knüppel zwischen die Beine werfen. Viele Schulen und andere öffentliche Träger, die von heute auf morgen Online-Unterricht oder Videokonferenzen organisieren mussten, wendeten sich an unsere Genossenschaft.

Leider ist der Beitritt zu einer Genossenschaft für viele öffentliche Institutionen mit bürokratischen Hürden versehen. Die Investition einer Genossenschaftseinlage, die bei Hostsharing 64 EUR beträgt, wird von den Aufsichtsbehörden genauso eingehend und bürokratisch geprüft, wie eine Beteiligung in Millionenhöhe an einer Kapitalgesellschaft. Das ist nach unserer Einschätzung völlig unverhältnismäßig und schadet dem Genossenschaftswesen.

Dass Genossenschaften und Kommunen vielerorts öffentlich-kooperative Partnerschaften zum allgemeinen Nutzen eingehen, ist bisher nur in Fachkreisen bekannt, sonst hätte der Gesetzgeber die bürokratischen Hürden für öffentlich finanzierte Einrichtungen schon längst geändert.

Wenn Schulen und Behörden in Deutschland unabhängig von den großen US-Konzernen eine IT-Infrastruktur für digitale Bürgerdienste und Online-Learning aufbauen sollen, dann müssen sie auch in der Lage sein, sich ohne bürokratische Hürden zu IT-Betriebsgenossenschaften zusammenzuschließen oder Mitglied einer bestehenden IT-Genossenschaft zu werden.

Hostsharing auf neue Mitglieder gut vorbereitet

Leider ist die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Deutschland von unter 300 im Juni auf über 1500 im August förmlich explodiert. Die gefürchtete zweite Welle ist da. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann es – wenigstens teilweise – zu einem zweiten Lockdown kommen wird. Die Nachfrage nach datenschutzkonformen Digitalisierungslösungen wird sich auf einem deutlich höheren Niveau stabilisieren. Hostsharing bereitet sich deshalb darauf vor, auch in den nächsten Monaten mehr neue Mitglieder aufzunehmen als vor der Corona-Krise. Leistungsstärkere Hardware ist bestellt, und der Umzug in ein Tier-4-Rechenzentrum steht unmittelbar bevor.