Platform Coop Journey – Genosse Jan-Peter berichtet

von Jan-Peter Homann, Estelle Goebel-Aribaud – erschienen am 20.09.2018 – Nachhaltigkeit, Genossenschaft

Hostsharer Jan-Peter Homann hat in Berlin eine Veranstaltung der Platform-Coop-Bewegung besucht und macht sich Gedanken über die Erfolgsaussichten von Genossenschaften im Internet.

The Platform Coop Journey - Teil I

Als Mitinhaber meines Webhosters Hostsharing eG, bin ich seit einiger Zeit sehr unzufrieden mit der enormen Konzentration von Macht und Kontrolle durch globale Webgiganten wie Google, Facebook oder Amazon und mit der wachsenden staatlichen Überwachung im Internet.

Es ist Zeit, sich das Internet zurück zu holen. Die gemeinsame Nutzung meines Webhosters ist ein erster wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Ich höre die Leute oft sagen, dass die Macht der Webgiganten so groß ist, dass Miteigentümer von Webhostern oder andere Aktionen nichts ändern werden. Aber hey, lasst uns mal in die Geschichte der Genossenschaftsbewegung schauen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der deutsche Wohn-, Bank- und Lebensmitteleinzelhandel unter kapitalistisch profitorientierte Kapitalisten gestellt, die sich nicht um die Bedürfnisse ihrer Arbeiter kümmerten. Mehrere Arbeitnehmerorganisationen begannen, Genossenschaften zu gründen, um die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu erfüllen. 50 Jahre später waren mehr oder weniger 25% der deutschen Bevölkerung Genossenschaftsmitglieder, die ihre Infrastruktur für Banken, Wohnungen und den Lebensmitteleinzelhandel besitzen.

Am Ende des 20. Jahrhunderts argumentierten die großen deutschen Stromversorger, dass erneuerbare Energie nie eine relevante Quelle für die Stromversorgung sein wird. Im Jahr 2000 erhielt Deutschland ein Gesetz, wonach die Stromversorger ihr Stromnetz für Strom aus erneuerbaren Energien öffnen müssen, die von unabhängigen Stromversorgern oder sogar Einzelpersonen mit Sonnenkollektoren auf ihren Häusern produziert werden. In der Folge erlebte Deutschland einen Boom neu gegründeter Energiegenossenschaften. 2018 werden 35% der elektrischen Energie in Deutschland aus erneuerbaren Energien gewonnen und die neuen Energiegenossenschaften sind ein wichtiger Treiber dieses Wandels. Einen Eindruck von dem, was auf europäischer Ebene mit 1.250 Energiegenossenschaften und ihren 1.000.000 Mitgliedern passiert, findet ihr unter https://www.rescoop.eu

Warum Platform Coop?

Wie Coops gezeigt haben, können sie sehr wohl eine treibende Kraft sein, um Märkte und Infrastruktur bei Banken, im Wohnungsbau, im Lebensmitteleinzelhandel und in der Energieerzeugung zu verändern. Warum sollten die Genossenschaften nicht auch das Internet verändern?

Das Internet ist ein komplexes globales, heterogenes Computernetzwerk. Webhosting ist nur der Platz, den du im Internet hast. Was du mit diesem Raum machst, ist der nächste Schritt. Deshalb habe ich mich entschieden, tiefer in die Plattform-Coop Bewegung einzutauchen. Und ich fand ein internationales Netzwerk, das Möglichkeiten erforscht, die Erfahrungen und das Wissen der traditionellen Coop-Szene mit dem Geist der Digital Natives und der Open-Source-Community zu verbinden.

Als Mitglied der Hostsharing eG werde ich meine Ergebnisse und Überlegungen zur Platform-Coop-Bewegung hier auf dem Hostsharing Blog unter der Rubrik ›The Platform Coop Journey‹ vorstellen. Ich werde berichten, wie ich als Genosse in der digitalen Sphäre und in der realen Welt unterwegs bin.

Supermarkt Berlin

Ich lebe mit meiner Familie in Berlin, also habe ich hier nach anderen Leuten gesucht, die sich auch für Plattform-Coops interessieren. Und ich fand den Supermarkt Berlin. Hier finden Meetings statt, die Gruppen aus den Bereichen Kunst, Politik, Wirtschaft und digitale Innovationen verbinden. Seit 2016 veranstalten sie Meetups für die Berliner Plattform-Coop-Szene. Ich habe am 24. Mai an einem Meeting teilgenommen und war sehr beeindruckt von der Vielfalt der Leute. Da gibt es Coops wie resonate, die Musiker, Musik Verleger und Zuhörer mit einem eigenen Streaming-Dienst verbinden. Da ist die Rethink Coop eine Gruppe, die eine Genossenschaft gründet, um Flüchtlinge mit Arbeit zu versorgen. Oder Think Tanks aus verschiedenen Ländern wie zum Beispiel IÖW mit seinem Forschungsprojekt platforms2share, oder Unternehmen, die Coaching und Beratung für Coops anbieten wie weq.Institute. Mit ver.di war auch eine deutsche Gewerkschaft anwesend. Erstaunlicherweise nahm jedoch niemand an dem Treffen teil, der die traditionellen deutschen Genossenschaftsverbände vertrat…

An dem Abend gab Nathan Schneider einen Überblick über die Bewegung Plattform Coop. Er legte international den Fokus auf Entwicklungen in den USA.

Für jeden, der Berlin erreichen kann und Interesse an Plattform-Coops hat, sind die Treffen im Supermarkt Berlin ein Muss. Die Organisatoren Ela Kagel und Freunde sind sehr freundlich und aufgeschlossen und das Publikum ist unglaublich.

Nächster Termin - Caseclinic für Coops

Das nächste Plattform-Coop-Date im Supermarkt ist der 11. Oktober mit einer Caseclinic für Coops. Das ist ein Selbsthilfeformat für Mitglieder und Peers verschiedener Coops, die einander in einem definierten Fall helfen.

Ich werde für Hostsharing eG mit einem Fall vertreten sein. Es werden auch rethinkcoop vor Ort sein, die gerade dabei sind, eine Co-Owned-Supply-Chain im Textilbereich zu gründen, die aus Stoffen aus ökologischer Produktion in Indien in Kroatien T-Shirts nähen und über die Berliner Plattform dna merch vertreiben.

Sehen wir uns in Berlin?

Jan-Peter