1. Digitalisierung im Rahmen der planetaren Grenzen

Ein Kommentar zu den politischen Forderungen der Bits & Bäume 2022

Die Bits & Bäume Konferenz hat fünf politische Forderungen aufgestellt. Die Hostsharing eG unterstützt die Positionen. Leider wird in dem Forderungskatalog die Eigentumsfrage nicht gestellt. Wir möchten deshalb den Forderungen einen ergänzenden Kommentar aus genossenschaftlicher Sicht hinzufügen. In diesem Artikel geht es um die erste Forderung: »Wir fordern, dass sich technologische Entwicklungen an den Maßstäben von Natur-, Klima- und Ressourcenschutz und dem Erhalt von Biodiversität ausrichten. Digitale Infrastrukturen und elektronische Geräte müssen ohne Kompensation klimaneutral hergestellt und betrieben werden.«

Das Dilemma zwischen Markt und Regulierung

Gleich die erste Forderung offenbart ein Dilemma, das sich durch alle politischen Forderungen der Bits & Bäume 2022 hindurchzieht. Es werden Veränderungen angemahnt, die sich an Maßstäben orientieren sollen, die in einer kapitalistischen Marktwirtschaft bisher keine Rolle spielen. Die Logik des Marktes gehorcht anderen Maßstäben als denen, die hier gefordert werden. Die Forderungen laufen deshalb an vielen Stellen auf einen regulierten Markt hinaus.

Regulierungen wie zum Beispiel der in 1.1.1 geforderte digitale Produktpass, mit dem die ökologischen und sozialen Auswirkungen von Lieferketten transparent gemacht werden sollen, oder die in 1.3 geforderte gesetzlich garantierte Geräteneutralität und -langlebigkeit würden uns als IT-Genossenschaft bei der Auswahl und Wartung von Hardware helfen. Das Fehlen einer solchen Transparenz haben wir in unseren Nachhaltigkeitsberichten immer wieder beklagt.

Machtgefälle ausgleichen

So wünschenswert solche Regelungen auch sind, sie können nicht das fundamentale wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen einer Genossenschaft wie der Hostsharing eG und einem global agierenden Hardware-Hersteller ausgleichen. Das Machtgefälle verhindert, dass wir als Genossenschaft mit dem Hardware-Hersteller auf Augenhöhe verhandeln können.

Wir würden uns deshalb wünschen, wenn Strukturen geschaffen würden, in denen dieses wirtschaftliche Machtgefälle verschwände. Hostsharing hat sich in diesem Zusammenhang dazu entschlossen, mit kleinen und mittelständischen Hardware-Lieferanten zusammenzuarbeiten, die ihren Sitz in Deutschland haben und in unserem Gemeinwesen Steuern zahlen.

Marktlogik lässt Datenströme anwachsen

In 1.2 wird die Reduzierung von Datenströmen gefordert. Ein Verbot von Autoplay sowie die Einführung von nationalem Roaming zur Reduzierung des Stromverbrauchs wird vorgeschlagen. Wir denken, dass dies viel zu kurz greift. Die Marktlogik der kapitalistischen Digitalwirtschaft, die vor allem auf explosionsartiges Umsatzwachstum und Marktbeherrschung ausgerichtet ist, hat in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass durch Flatrate-Angebote dem Verbraucher vorgegaukelt wird, dass digitale Ressourcen nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehen. Der sparsame Umgang mit digitalen Ressourcen, der noch in den 90er Jahren durch eine entsprechende Bepreisung eine weitverbreitete Tugend war, gehört der Vergangenheit an.

Hostsharing reduziert Datenströme durch angemessene Bepreisung

Hostsharing achtet deshalb auf eine faire Bepreisung von Ressourcen und verzichtet auf ressourcenverbrauchende Lockangebote, auch wenn wir diese Preispolitik immer wieder erklären müssen. So hat Hostsharing beispielsweise nie aus werblichen Gründen den Eindruck erweckt, dass Traffic (ein anderes Wort für Datenstrom) umsonst zu haben ist.

Bedarfe gemeinsam aushandeln statt künstliche Bedürfnisse wecken

Wir glauben, dass die rendite- und damit wachstumsorientierte Marktlogik sowie das strukturell asymmetrische Machtverhältnis zwischen Anbieter/Hersteller und Kunde/Verbraucher einer nachhaltigen Digitalisierung im Wege steht. Es werden ständig künstliche Bedürfnisse für neue Produkte geschaffen, deren Herstellung sich nur lohnt, wenn die Herstellungskosten auf Kosten von Natur und Gesellschaft extrem gesenkt und Skalierungseffekte maximal ausgenutzt werden. Die Folge sind monopolartige Strukturen und ein ständig wachsender Ressourcenverbrauch.

Wir setzen als Genossenschaft dagegen darauf, unsere Bedarfe gemeinsam auszuhandeln und in genossenschaftlicher Selbstverantwortung zu fairen Preisen und damit auch möglichst ressourcenschonend zu decken. Ein solches Vorgehen ist nur möglich, wenn die Beteiligten durch das genossenschaftliche Eigentumsverhältnis die Macht haben, Produktionsprozesse direkt selbst bestimmen zu können.

Wir sind deshalb davon überzeugt, dass das genossenschaftliche Wirtschaftsmodell erheblich dazu beitragen würde, eine Digitalisierung im Rahmen der planetaren Grenzen zu verwirklichen.

von Jan Ulrich Hasecke – erschienen am 20.09.2022 – Nachhaltigkeit, Genossenschaft