175 Jahre Redliche Pioniere von Rochdale

von Dr. Martin Weigele – erschienen am 25.10.2019 – Genossenschaft, Nachhaltigkeit, Politik

28 hungernde Weber gründen 1844 die "Rochdale Society of Equitable Pioneers" - die Gesellschaft der Redlichen Pioniere von Rochdale, Blaupause für das moderne Genossenschaftswesen bis heute.

Festakt

Hamburg, 24. Oktober 2019. Der Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften (ZdK) e.V. und die Zentralgenossenschaft eG gedachten in einem würdigen Festakt des 175. Jubiläums der Genossenschaftsgründung der Redlichen Pioniere von Rochdale im Jahr 1844. Rochdale ist eine Stadt im Gebiet von Greater Manchester im Norden Englands.

28 hungernde Weber gründeten die ›Rochdale Friendly Cooperative Society of Equitable Pioneers‹ und zogen sich damit ein Stück weit aus dem von Kinderarbeit und Hunger geprägten Sumpf des Elends, das die damalige industrielle Revolution in England für viele Zeitgenossen bedeutete. Es war zugleich die Geburtsstunde des internationalen Genossenschaftswesens. Die Pioniere konnten damit ihre Situation durch gemeinsames Wirtschaften entscheidend verbessern. Auf dem berühmten Bild der Pioniere von ca. 1870 finden sich allerdings nur noch dreizehn Personen, was wohl der hohen Sterblichkeitsrate der damaligen Zeit geschuldet ist.

Festvortrag: Die Prinzipien der Pioniere

Der Festvortrag ›Rochdale heute und morgen‹ von Dr. Philipp Degens von der Universität Hamburg befasste sich ausgiebig mit den Regeln, die sich diese Pioniere vor 175 Jahren gegeben haben.

Faszinierend an dieser Gründung ist, dass ausgerechnet diese Pioniere bei ihrer Gründung die bis heute wesentlichen Prinzipien des Genossenschaftswesens schon damals festlegten. Diese umfassten die offene Mitgliedschaft, demokratische Kontrolle mit einer Stimne je Mitglied, die Auszahlung von Rückvergütung bzw. eine Gewinnverteilung in Abhängigkeit vom Umsatz, eine nur begrenzte Kapitalverzinsung, politische und religiöse Neutralität, das Prinzip der Barzahlung und schließlich auch die Förderung der Bildung aus einem Teil der erzielten Gewinne.

Dieser Teil der Prinzipien wurde 1937 vom internationalen Genossenschaftsbund als Rochdaler Prinzipien zu den tragenden Prinzipien des internationalen Genossenschaftswesens erklärt.

Die Rochdaler Pioniere kannten allerdings noch weitere Prinzipien. Wie Hostsharing eG verkauften sie nur an Mitglieder der Genossenschaft. In weiteren Punkten gingen sie viel weiter als die Hostsharing eG. Die Pioniere verwendeten einen Teil der Gewinne für Bildung, aber auch für ihre Arbeitnehmer. Vorab fixierte Kapitalrenditen sollten spekulatives Wirtschaften verhindern. Schließlich agierte die Gesellschaft der Pioniere nach und nach als Mehrzweckgenossenschaft: Es gab die Aspekte der Konsumgenossenschaft, der Eigenproduktion, Wohnungen, Landwirtschaft und eben der Bildung.

Die Pioniere heute

Wie Philipp Degens weiter ausführte und wie es die Hostsharing Mitglieder aus eigener Anschauung kennen, sind die hier dargestellten Prinzipien auch heute überwiegend charakteristisch für Genossenschaften. Wie damals mögen sie auch als ein Wegweiser in andere Formen des Wirtschaftens dienen, die jedenfalls die Unzulänglichkeiten einer rein am Profit einzelner orientierten, ›nackten‹ kapitalistischen Wirtschaftsweise überwinden helfen mögen.

Hostsharing und die Prinzipien der Pioniere

Es ist wirklich erstaunlich, dass auch die Diskussionen, die sowohl im Team als auch zwischen Team und Mitgliedern der Hostsharing eG über die genossenschaftliche Geschäftspolitik immer wieder stattfinden, sich zu einem erheblichen Teil um diese alten Prinzipien drehen. Wir erfinden also das Rad keineswegs neu. Im Gegenteil können wir von den Redlichen Pionieren lernen, deren Erfolgsmodell sich über die ganze Welt verbreitet hat. Das wollen wir auch auf unserer 20-Jahr-Feier im Oktober 2020 ein wenig vertiefen.

(Foto: Wikimedia mit freundlicher Genehmigung des Hamburger Genossenschaftsmuseums)