Jahreskongress von nachhaltig.digital: Es bleibt noch viel zu tun

von Michael Hierweck – erschienen am 25.03.2019 – Konferenz, Nachhaltigkeit

Für die Hostsharing eG nahm Michael Hierweck am Jahreskongress 2019 von nachhaltig.digital in Osnabrück teil. In diesem Artikel schildert er seine Eindrücke.

Guter Rahmen für Networking

In den Räumen der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, am Rande der Osnabrücker City, besuchte ich den Kongress von nachhaltig.digital. Er wurde von Tina Teucher moderiert und bot einen perfekten Rahmen fürs Networking mit Vertretern aus Wissenschaft, Unternehmen und Organisationen.

Nach einem gemeinsamen Frühstück, den Keynotes und einem Auftakt-Talk mit Alexander Bonde (DBU), Carl-Ernst Müller (nachhaltig.digital), Martin Oldeland (B.A.U.M. e.V.), Burkhard Remmers (Wilkhahn - Wilkening+Hahne GmbH & Co.KG), Riccarda Retsch (Rat für Nachhaltige Entwicklung) startete das Workshop-Programm mit neun geschickt arrangierten Sessions zu den Schwerpunkten »Künstliche Intelligenz«, »Messbarkeit« und »New Work« je in Paarung mit den Themengebieten »Produkte«, »Prozesse« und »Personen«. Der Charakter der einzelnen Sessions reichte von Vorträgen über Diskussionen und klassische Workshops bis hin zur praktischen Erprobung modernster Technologien, etwa von VR-Brillen.

Quelle https://www.flickr.com/photos/165175138@N08/33564717098/in/album-72157704178705842/, https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Durch interaktive Elemente des Programmes hatten wir die Möglichkeit, uns ins Geschehen einzubringen oder uns mit den Umstehenden auszutauschen. Dafür benutzten wir digital die App LineUpr des gleichnamigen Dresdner Startups oder folgten analog der Bitte, uns gemäß der Dimensionen Digitalisierung bzw. Nachhaltigkeit im Raum zu positionieren.

Die räumlichen Gegebenheiten wie auch die Ausgestaltung des Sessionplanes sorgten fortlaufend für Bewegung. Wir wurden immer wieder neu durchmischt. Auch am Rande des ausgezeichneten Mittagsbuffets ergab sich die Chance, nochmals neue Kontakte zu knüpfen. So konnten wir die Erkenntnisse aus den Sessions in wechselnden Konstallationen reflektieren und die Chancen einer nachhaltigen Digitalisierung für Beruf und Gesellschaft diskutieren. Vermißt habe ich dabei allerdings die Themen freie Software und digitale Souveränität.

Abschließendend erlebten wir ein Wrap-Up von Marie-Pascal Gafinen mit Hilfe des gelungenen Graphic Recordings. Das Get Together mit den Gastgebern und Gästen rundete unseren Tag ab.

Freie Software als Grundlage digitaler Nachhaltigkeit kaum im Blick

Als Vertreter einer Genossenschaft, die sich seit bald 20 Jahren für digitale Nachhaltigkeit einsetzt, freue ich mich, dass dieses Thema durch Initiativen wie nachhaltig.digital endlich eine breitere Öffentlichkeit genießt. Leider wurden freie, offene Software und ihre Bedeutung für eine nachhaltige Digitalisierung zumindest in den Sessions, an denen ich selbst teilnahm, nicht thematisiert. Wie will man nachhaltig arbeiten, wenn man die Werkzeuge, mit denen man arbeitet, nicht nach eigenem Ermessen modifizieren und anpassen kann? Es kommt deshalb jetzt darauf an, dass der Mittelstand den Wert freier Software für eine nachhaltige Entwicklung seiner digitalen Infrastruktur erkennt und diese auch konsequent einsetzt.

Den Horizont für genossenschaftliche Lösungen öffnen

Die Genossenschaftsidee, die Hostsharing im Hosting-Bereich verwirklicht, löste bei meinen Gesprächspartnern immer ein positives Echo aus. Allerdings dachte kaum jemand dabei an eine technische Genossenschaft wie Hostsharing. Hier zeigen sich vielleicht die Folgen der einseitigen Start-up-Kultur, die in den letzten Jahren ausschließlich durch Venture-Kapital finanzierte Privatunternehmen in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte. Hier würde ich mir eine Öffnung des Horizonts wünschen, damit auch gemeinschaftliche Ansätze in der IT in den Blick rücken.

Mittelständische Unternehmen stehen bei jedem Innovationszyklus vor der Frage, ob sie ihre IT weiterhin selbst betreiben oder outsourcen sollen. Das genossenschaftliche Hosting bildet hier einen Mittelweg, da eine solche Cloud immer noch im eigenen Einflussbereich unter gemeinsamer Kontrolle betrieben wird. Als Mitglied und damit Miteigentümer der Genossenschaft hat man Einfluss auf die Geschäftsführung und -strategie. Gleichzeitig ist gemeinschaftliches Hosting auch ökologisch nachhaltig, da technische Ressourcen effizient genutzt werden.

Eine Genossenschaft als verlässlicher Partner für Digitalisierung ist auch keineswegs ein Novum. Als erfolgreiches Beispiel können neben Hostsharing als branchenunabhängigem Plattform-Dienstleister die DATEV eG dienen, die Steuerberater und Wirtschaftsprüfer schon seit Mitte der 60er Jahre mit branchenspezifischen Lösungen bei der Digitalisierung begleitet, oder die kürzlich fusionierten Dienstleister der genossenschaftlichen Finanzgruppe GAD und Fidutia.

Es wirkt auf mich regelmäßig befremdlich, wenn Unternehmen und Organisationen, die Nachhaltigkeit leben, ihre Daten in Clouds einschlägiger großer Anbieter verarbeiten; faktisch außerhalb ihres Kontroll- und Einflussbereichs. Selbst nachhaltig.digital verarbeitet E-Mails in der Microsoft Cloud »Azure«. Wenn ich ein nachhaltiges Unternehmen kennenlerne, prüfe ich regelmäßig im Rahmen eines Glaubwürdigkeitschecks, welche Hosting- und E-Mail-Dienstleister zum Einsatz kommen.

Es bleibt also noch viel zu tun. Für die nächsten Jahreskongresse würde ich mir wünschen, dass die Vorteile von freier und offener Software sowie einer gemeinschaftlichen oder genossenschaftlichen Organisation der IT als Bausteine einer nachhaltigen Digitalisierung in den Vordergrund gestellt werden.